Du hast keine Chance, also nutze sie!

 

- Ein Armutszeugnis à la carte -

 

Wir wollen lernen! Wollen wir auch aus unseren Fehlern lernen? Lernen für eine bessere Welt? Hartz IV im Unterricht schlägt der Lehrer seinen Schülern vor. Ein tolles Gericht zaubern mit den leckeren Zutaten vom Netto nebenan. Volker Lösch kocht sein eigenes Ragout aus “Hänsel und Gretel”, Hamburger Arroganz, Hölderlin und Mümmelmannsberg. Es schmeckt schön bis bitter. Theater-Süß/Sauer als Spiegel und Denkanstoß.

Eingeengt in ihre kleine Wohnung ruft der Kinder-Chor (sensationell!) laut in den großen Zuschauerraum. Individuelle Schicksale im kollektiven Millieu-Wahn auf der Suche nach Sinn. Die gesellschaftliche Wahnsinns-Schere klafft auseinander. Dieser Abend ist allerdings alles andere als scherenschnittartig. Wer hinter der Oberfläche nur Oberflächlichkeit zu sehen meint, verkennt, dass die Welt häufig die sozial Benachteiligten unter die Oberfläche schiebt und eine Unterschicht erst evoziert, indem sie ängstlich in Unter-, Ober-, under und above the line trennt und danach selektiert, also oberflächlich vereinfacht. In der Schule subsummieren sich dann diese Ängste, wie jüngst am Scheitern der Hamburger Schulreform abzulesen. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Die Elbvororte vom peripheren Vorstadt-Problemviertel, welches leider oft gegen die eigenen Ghettoisierungs-Windmühlen ankämpfen muss. Denn häufig sind die Pfade der Abwärtsspirale schon so weit ausgetreten, dass eine fatale Gleichgültigkeit Einzug in den Plattenbau gehalten hat. Der Fernseher zeigt live 9 supertalentfreie DSDS-TOPMODEL-Familienbrennpunkte in Endlosschleife. Wo Ritalin fehlt, ist RTL die Volksdroge der Hyperaktiven. Verführerisch lockt das Zuckerkuchenhaus und spielt mit den infantilen Hoffnungen der chancenlos Exkludierten und lockt sie in die Hexenküche. Die Super Nanny erzieht, Peter Zwegat holt die Kohlen aus dem Feuer. Der Ofen bleibt in dieser sensationellen “Hänsel und Gretel”-Adaption von Beate Seidel und Volker Lösch jedoch aus. Stattdessen bekommt der Zuschauer das ganze Fegefeuer des antisozialen Hexenkessels zwischen Christeaneum, Gymnasium Eppendorf und Gesamtschule Mümmelmannsberg um die Ohren geschleudert. Ein ernüchterndes Zeugnis der Realität, hart, direkt, konkret. Diese rabenschwarze Satire ist ein Abgesang auf die Ignoranz des Bildungsbürgers. Für märchenhaften Kitsch ist hier kein Platz. Die Wünsche und Sehnsüchte der Mümmler werden gekonnt konterkariert mit dem Überfluss der weihnachtlich dekorierten Arzt- und Anwaltskinder im Jetlag zwischen iPod, MacBook Pro, Hockey, Tennis und Golfplatz.

Die ganze Tragweite der Verlogenheit gipfelt schließlich in einer dekadenten Charity-Veranstaltung. Schöner Leben am Rand! Der arme Murat freut sich doch bestimmt über ein paar Kastagnetten-Stunden in Wilhelmsburg. Haiti, mon amour. Mümmelmannsberg, meine Liebe. Bei aller zugespitzten Polarisierung, der bittere Beigeschmack, der bleibt, ist ein Armutszeugnis: Genau so ist es! In Billstedt! Schnelsen! St. Pauli! Mümmelmannsberg! Eppendorf! Harvestehude! Othmarschen! Blankenese! HAMBURG!

Do you love to live here in Hamburg? // © Just!

(Kritik "Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg", Deutsches Schauspielhaus, 2010)

 

 

LIVE! - Leb dich reich

 

- Eine "sozialpornografische" Farce -

 

Eine Art Menschenzoo des 21. Jahrhunderts soll den Sender Live!-TV aus seinem Dornröschenschlaf befreien und zu einer neuen Traumquote verhelfen:

3 Tage, 24 Stunden Live-Übertragung aus einer Plattenbau-Wohnung in Hamburg-Mümmelmannsberg. Vorbei die Zeiten von inszenierten Big Brother-Containern. Familien allein nur im Brennpunkt reichen längst nicht mehr. Gezeigt wird eine Patchwork-Familie, drei Generationen unter einem Dach:

Gaby (30) mit Tochter Sandy (16), Roland (40) mit seinem Sohn Mike (18) und schließlich die todkranke Oma Else (89), welche in ihrem Pflegebett von einem ambulanten Pflegedienst betreut wird, welcher ausschließlich Pfleger mit Migrationshintergrund beschäftigt. Else hat jedoch etwas gegen Ausländer.

Die Wohnung darf nicht verlassen werden, Essen kommt vom Lieferservice.

Je höher die Einschaltquote, umso höher die Gage für die Familie. Ganz nach dem Motto "Leb dich reich".

 

Die Kameras von LIVE!-TV senden rund um die Uhr aus jedem Winkel der Wohnung. Sei es per Überwachungskamera oder mit 2 Fernsehteams. Zoom, close, hautnah oder voyeuristisch beobachtend. Ein Psychologe kommentiert aus dem Off und besucht sporadisch die Familie, um sie zu beraten. Intimsphäre hat die Familie keine. Die Zuschauer sind live dabei:

Gaby und Roland treiben's wild auf dem Küchentisch, Mike masturbiert vor seinem PC, Sandy macht Videos für Youtube, während Oma Else im Nebenzimmer nach Luft ringt.

Jedes Familienmitglied ist mit einer eigenen "Family-Cam" ausgestattet, mit welcher face to face ein Videotagebuch geführt wird. Der Zuschauer von LIVE!-TV erfährt somit täglich unmittelbar von den individuellen Sorgen, Ängsten und Nöten:

 

Gaby hat Angst, dass ihre Mutter stirbt und wird depressiv. Ihr Mann schlägt sie. Sandy ist schwanger von ihrem viel älteren Freund Ben. Roland trinkt wieder. Mike ist internetsüchtig und hat eine neue Chat-Bekanntschaft, er "camt" mit ihr. Er fühlt sich ungeliebt und unverstanden. Er hat große Angst, dass seine Oma stirbt. Diese hat auch eine eigene Cam, welche direkt über ihrem Kopf befestigt ist. So erfährt der Zuschauer unmittelbar von ihrer Atemnot, ihren Angstzuständen, Albträumen und Halluzinationen.

 

Schließlich stirbt Else, nachdem ihr Pfleger auf ihr Verlangen mithilfe eines Arztes einer Schweizer Organisation aktive Sterbehilfe geleistet hat.

Der Psychologe kommentiert live das Geschehen. Mike ist es schließlich, welcher dem Wahnsinn ein Ende setzt. Er zerstört alle Kameras. Was bleibt, ist weißes Rauschen.

 

 

LIVE! - Leb oder Stirb, eine fiktive Doku-Reality-Soap über die mediale Verwahrlosung der infantilen Spaß-Gesellschaft und deren immanente Bereitschaft für die Einschaltquote sprichwörtlich über Leichen zu gehen. // © JuSt!

(Erster Konzeptentwurf des Abschlussfilms "LIVE! - Leb dich reich" an der medienakademie, 2011)

 

 

 

Die verbotenen Früchte der Fantasie

 

Abgefahren, abgedreht, abgespaced, abgedroschen, absurd, absolut, aberwitzig, Abitur-nicht-voraussetzend, absichtlich abartig, abgefetzt, abgerockt, abgepunkt, abgesagt, abgesungen, nur nicht scheiße ist dieser Abgesang aufs spießbürgerliche Dorfleben der vereinsamten, enthemmten, entstellten Gestalten einer fliehenden Gesellschaft, die nicht weiß wovor.

Die Blüten der Gewalt werden nicht mit dem Skalpell gezogen, sie werden gerupft, enterdet, ab in die Fantasie. Da wird gepöbelt, gerauft, gerangelt, geträumt. Turbo-Speed gegen Schneckentempo. Sisyphusgleich schleicht eine Schnecke einen Berg hoch und gleitet immer wieder ab. Vom Abgleiten, Entgleiten aus der gesellschaftlichen Norm, davon handelt dieser Abend. Eine Karikatur der Gestrandeten. Das ist großes Kino der großen Emotionen. Anarchisch, dreckig, trocken, gut. Lüttchenburg, Plön, das flenst, das brennt, das schmeckt.// © JuSt! 

 

(Kritik "Dorfpunks" mit Studio Braun im Deutschen Schauspielhaus, 2010)

 

 

 

Das Buch von allen Dingen

 

06.04.2010, Malersaal, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

 

 

Es soll in diesem Text nicht um die wunderbare Inszenierung (Barbara Bürk) gehen, auch nicht um das dreiteilige Bühnenbild (Schlafzimmer, Kirche, Küche) von Anke Grot, ebenso wenig um die Musik (Clemens Sienknecht an der Orgel als Schriftsteller und Jesus). Auch die Schauspieler sollen nur kurz erwähnt werden: Konradin Kunze als 9-jähriger Junge berührt. Besonders hervorzuheben ist das intensive Spiel von Erik Schäffler als Familienvater. Ein Gewinn fürs Junge Schauspielhaus. Diese Rezension will jedoch auf etwas anderes eingehen:

 

Die ANGST. Die Angst der Kinder, die Angst der Eltern, die Angst vorm Lehrer, die Angst vorm Vater, die Angst vor der Kirche, die Angst vor Gott, die Angst vorm Priester, die Angst vor sich selbst, die Angst vor den eigenen Gefühlen, die Angst vor der Wahrheit, die Angst vor der eigenen Identität, die Angst vor der Vergangenheit, die Angst vor der Zukunft, die Angst vorm Infantilen, die Angst vorm Kind in sich, die Angst vor Gewalt, die Angst vor Schlägen, die Angst vor Kontrolle, die Angst vor Verlust, die Angst vor Kontrollverlust, die Angst der Tiere, die Angst vor Experimenten, die Angst der Affen, die Angst vor Tieren, die Angst vorm Animalischen, die Angst vorm Tod, die Angst vorm Dunklen, die Angst vorm Fremden, die Angst vorm Unbekannten, die Angst vor Trauer, die Angst vor der Polizei, die Angst vor Zivilcourage, die Angst vor Mut, die Angst vor der Angst.

 

Es gibt sie nicht, DIE Angst. Diese eine. Sie ist mannigfaltig und diffus und gerade darum so schwer zu greifen. Was tut man, wenn man Angst hat? MANN rennt weg, versteckt sich, duckt sich, hält sich fest. Woran? Wenn es sein muss an der Kirche oder besser an der Bibel, diesem Buch aller Bücher, dem "Buch von allen Dingen". Hält sich fest an dieser heiligen Schrift, befolgt sie dogmatisch. Wieso? Der Zweck heiligt die Mittel, oder die Bibel, oder irgend ein Gott, zweigeteilt in Gut und Böse, ganz BIgott. Homo Sapiens läutet homophon die Osterglocken, eine homogene Masse pilgert betend gen Bethlehem, Mekka, Rom, Vatikan und predigt ängstlich gegen die eigene Homophobie. Im Namen Gottes geht viel. Krieg, Gewalt, Angst...

 

ANGST. Du sollst nicht töten, du sollst deinen nächsten lieben, du sollst beten, du sollst vergeben, du sollst Kinder kriegen, du sollst nicht abtreiben, du sollst nicht morden, du sollst vernünftig sein, du darfst nicht blasphemisch sein, du darfst nicht intolerant sein, du musst gehorsam sein, du musst brav sein, du musst dich benehmen, du musst artig sein, du musst still sitzen, du musst stark sein, du musst erfolgreich sein, nicht weinen, nicht einbrechen, nicht erbrechen, nicht weich sein, Mann sein, du brauchst keine Angst haben, mein Kind. Welches Kind? Ich? Kategorisch lässt sich jeder Imperativ instrumentalisieren. Dann kommt das Krokodil. Schnapp, schnapp. Ich will dir fressen. Angst fressen Kindheit auf.

Mann kann sich auch wie Willi Wiberg beim Gang in den Keller einreden: "Ich hab keine Angst, ich hab keine Angst." Oder wie Margot, die Schwester vom kleinen Thomas, "tideldum" die Angst wegsingen. Nimm mir einfach nur die Angst, nimm den Alb aus meinen Träumen.

 

Es geht allerdings auch anders. Andersen schreibt Märchen, um seinen dunklen Schatten Angst zu beleuchten. Man kann sich also auch in eine Fantasiewelt flüchten. Auch der kleine Thomas "sah Dinge, die sonst niemand sah." Er schreibt sein eigenes "Buch von allen Dingen". Angst vor der Zukunft hat er keine, denn er weiß schon ganz genau: "Später werde ich glücklich."

 

Doch was passiert vor diesem Später? Wir schreiben das Jahr 1951. Die Angst sitzt noch tief in den traumatisierten Nachkriegsknochen. Thomas hat eine andere Angst. Angst vor den Schlägen. Angst, dass der Papa wieder die Mama schlägt. Davor, dass sein Vater wieder seine Ärmel hochkrempelt, zu ihm ins Zimmer kommt, ihn mit einem Holzlöffel auf seinen Hintern schlägt, den "Vater im Himmel für immer aus ihm herausprügelt" und ihn zwingt, hundert Mal zu wiederholen:

 

"Barmherziger Herr, erbarme dich über uns Sünder."

 

 

Streicheln und Quälen, das liegt oft nah beieinander. Streicheln und Quälen, so heißt auch diese Woche die Titelgeschichte in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Es geht um Tiere. Sie haben die kleinste Lobby. Auch den Kindern fehlt ein derartiger Anwalt. Sadismus oder schlimmer wohlgemeinte Fürsorge mit falschen Mitteln, kann an beiden ausgelebt werden. Tags wird gestreichelt, nachts gequält, oder umgekehrt. Eine perfide Abhängigkeit wird konstituiert im heimischen S/M-Keller der Heimlichkeiten.

Doch so wenig wie im Fall des Tierschutzes die Tierversuche, die Gitterstäbe das eigentliche Problem sind, so wenig treffen die Kellerverliese der Fritzls, Harmonie kuschelnden Vertuschungen der Ratzingers und das reformpädagogische Nicht-Wissen-Wollen der von Hentigs und Beckers den säkularen Nagel auf des Atheisten Kopf.

Hinter den verschlossenen Vorhängen der Familien spielen sich oft die Qualen ab. Es muss nicht gleich der sexuelle Missbrauch wie in Vinterbergs FEST sein. Es muss auch nicht wie bei Kuijer die körperliche Gewalt sein. Auch psychische Gewalt, Abwesenheit von Liebe und Geborgenheit können verletzen und Wunden hinterlassen.

Der kleine Thomas hat Angst vor den Fröschen, der apokalyptischen Plage. Er spielt Gott und wandelt wie die Wahrsagepriester Ägyptens Wasser in Blut. Thomas gießt rote Limonade in sein Aquarium. Auch er quält also. Wobei er nur wissen will, ob es so ist wie in der Bibel: "...würden die Fische dann sterben?" Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Der Vatergott straft.

 

Ebenfalls in der ZEIT dieser Woche auf der Titelseite ein Artikel zur aktuellen Kirchen-Debatte von Patrik Schwarz. Darin kommt er zu dem Schluss: "Auch an die Not der Täter zu denken, das tut die Psychologie manchmal, eine Zeitung selten und die Polizei nie – das kann nur die Kirche." So betet Thomas' Vater: "Herrgott, vergib mir, dass ich mich dazu habe hinreißen lassen. Was kann ich nur tun, um diese Familie zu dir zu führen? Komm deinem Diener zu Hilfe, o Vater."

O Vater, was hast du getan? Warum schlägt der scharfe Messer liebende Vater den Thomas? Beim täglichen Tischgebet erscheint Jesus, nur Thomas kann ihn sehen. Jesus meint, dass der Vater ein Angsthase ist. "Er versteckt sich wie ein ängstliches Kind hinter Gottes breitem Rücken." Keine Rechtfertigung, sondern ein wichtiger Erklärungsansatz für Thomas. Will er doch hinter das Warum kommen und verstehen.

Die Not des Vaters verstehen? Geht das? Thomas glaubt nicht, er zweifelt: "Wie soll man sich hinter dem Rücken von jemandem verstecken, den es nicht mehr gibt?"

Der Vater schlägt, die Mutter schweigt. Beide handeln aus einer Angst heraus. Aus verschiedenen? Auch wenn sie sich äußerlich unterscheiden, so können die Wurzeln durchaus ähnlich gelagert sein. Dinge können totgeschwiegen, totgetrampelt, totgeprügelt, totmisshandelt werden. Dinge, also Ängste. Denn Ängste wohnen vielen Dingen inne. So könnte denn auch der Titel von Kuijers "KinderErwachsenenBuch" ab 10 ebenso "Das Buch von allen Ängsten" heißen.

 

"Ein Mann, der seine Frau schlägt, entehrt sich selbst." Es sind große Worte, die Guus Kuijer findet, um eine kleine Welt der großen Ängste zu erzählen. Das ist groß und ein kleines Wunder. Denn es handelt sich um ein Kinderbuch. Eigentlich. Nur dass Kuijer glücklicherweise respektlos wie einst Erich Kästner darüber hinwegsieht. So heißt es noch bevor die Geschichte überhaupt anfängt: "Nicht nur Kinder, auch Väter und Mütter, Opas und Omas und sogar der Ministerpräsident würden es in einem Rutsch durchlesen." Ich habe habe es auch in einem Rutsch durchgelesen. Und habe es wieder entdeckt: Das Kind in mir.

"Das Buch von allen Dingen", ausgezeichnet mit dem Luchs des Jahres der ZEIT, eine klare Lese-Empfehlung, fast noch mehr für die Älteren. Denn für sehr sensible Kinder könnte die Lektüre womöglich etwas zu starker Tobak sein. Was nicht heißen soll, dass Kinder unnötig geschont werden und weltfremd im Wolkenkuckucksheim aufwachsen sollten. Der pädagogische Finger, welcher im Fall Kuijer kein Zeigefinger ist, muss manchmal auch in Wunden gelegt werden. Und kann, wie bei der theatralischen Umsetzung im Malersaal, mit der nötigen Portion Humor auch heilend wirken.

 

Geheilt oder gar erlöst wird der Vater hier am Ende nicht. Er sitzt, heimatlos, wartend. Kein Happy-End im Kinderparadies. Es geschieht stattdessen das Unglaubliche. Ibsens Nora hätte es das Wunderbare genannt. Wenn eine Frau sich wehrt... Wenn sie aufbegehrt (siehe www.aufbegehren.com), dann ist das in den 50er Jahren vor der Emanzipation umso bemerkenswerter. Wenn sich eine ganze Familie auflehnt, dann ist es beispielhaft. Darum ist auch "Das Buch von allen Dingen" so exemplarisch und sollte Pflichtlektüre für Jung und Alt sein. Also: Lesen Sie mehr Kinderbücher! Gehen Sie ins Kinder- und Jugendtheater und lassen Sie sich in eine fremde Welt entführen, mit tropischen Fischen im Wasser. Lassen Sie sich berühren. Mich hat es eiskalt erwischt. Also, hab keine Angst. // © JuSt!

 

 

 

 

 

Game Over - Ein Essay von Julian Struck

Punk Rock, Regie: Daniel Wahl, 

Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 13.04.2010

 

Weil ich das Lustige liebte. Deshalb wollte ich nicht auf die Schule“, heißt es in den „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ von Alexander Spoerl. Berechtigte Bedenken eines Schulanfängers. Einschulung. Der Ernst des Lebens beginnt. Nicht nur das Wissen-Lernen wird nun zur Last, sondern auch das soziale Lernen, das Sich-Wehren-Lernen, das Sich-Abgrenzen-Lernen, oder eben das Mitmachen- oder Wegsehen-Lernen wird nun zur alles entscheidenden Herausforderung, um im Schulalltag bestehen und überleben zu können.

 

In der „Blechtrommel“ von Grass zersingt Oskar Matzerath am ersten Schultag seiner Lehrerin die Brillengläser. Ein Anschlag auf eine Lehrerin. Erste Rebellion gegen den Wahn-Sinn Schule?

 

Auf die Gewaltbereitschaft vieler Schüler kann nicht oft genug hingewiesen werden. Gewalt „im Kleinen“ findet ständig statt und sei es durch verbale Attacken auf sogenannte Out-Sider. Wenn keine Lehrkraft, kein Erwachsener im Raum ist, können diese Übergriffe, Eingriffe und Grenzüberschreitungen auch schon mal eskalieren. Wenn sich der Punk Rock im Kopf erruptiv entlädt, dann kann das zu einem Amoklauf führen, über den keiner redet. Über den keine Zeitung berichtet, über den nichts im Fernsehen kommt, über den kein sensationslüsterner Kerner mit Betroffenheitsmiene live aus Erfurt berichtet. Das sind dann die kleinen "Amokläufe", nur mit anderen Waffen. Kein "school shooting", sondern ein "school bashing". Was ist nun schlimmer, das shooting oder bashing? Wer vermag das zu sagen? Einfach alle abknallen, das würden vielleicht einige Schüler manchmal gern. Wenn sie könnten. Aber sie können nicht.

 

William in Simon Stephens gradiosem Gesellschaftsportrait "Punk Rock" konnte es. Er zieht einfach eine Waffe aus dem Getränkeautomaten. Sören Wunderlich verkörpert diesen fahrigen Grenzgänger mit all seinen Unsicherheiten kompromisslos. Das gesamte Ensemble überzeugt auf ganzer Linie. Sie reden gehetzt durcheinander, erzeugen in dieser atonalen Liebesballade eine Kakophonie der panischen Selbstflucht.

 

Stephens gelingt am Schluss ein Kunstgriff. Der Amokläufer erschießt sich nicht, sondern stellt sich den Fragen eines Psychiaters. Regisseur Daniel Wahl geht noch radikaler und letztlich konsequenter vor: Er streicht die Rolle des Arztes. Wir Zuschauer sitzen im Scheinwerferlicht und erwarten Antworten. Unser aller Sensationsgier und unsere Neigung zum medienwirksamen Dramatisieren und Psychologisieren werden jedoch vor den geblendeten Kopf gestoßen.

 

"Ich tat es, weil ich konnte." Wie? War's das schon? Mehr nicht? Das ist ja unspektakulär. Noch nicht einamal Blut ist geflossen. Wie schade, denkt sich vielleicht so mancher Theaterbesucher. Da redet man im Nachgespräch dann doch lieber über das zwischenzeitlich textilfreie Spiel des Protagonisten, ganz übersehend, dass der Schauspieler die ganze Zeit über nackt, ungeschützt agiert und sich immer mehr entblöst. Keiner lässt sich gerne beim eigenen Voyeurismus ertappen. Es wird aufgeräumt mit dem Zerreden der Experten. Diesen nach Amokläufen hilflosen Reflexen von Medien und Politik. Bloß es zu fassen kriegen, dieses Phänomen. Präventivmaßnahmen finden. Suche nach Beruhigung, Sicherheit.

 

Wo fühlen Sie sich noch sicher? Im Supermarkt, im Büro, auf der Straße, in der Schule? Reden wir über unsere Gesellschaft, über uns.

 

Viele haben ihn in sich, diesen Amok im Kopf. Computerspiele müssen dies nicht unbedingt verstärken, wenn Realität und virtuelle Welt noch getrennt werden können. Der Kommunikationsfähigkeit zuträglich sind sie jedoch ohne Frage nicht. Um sich gegenseitig abzuballern, muss man sich schließlich nicht verbal artikulieren können. Da muss man sich nicht mit sich selbst beschäftigen.

 

Manfred Dworschak schreibt diese Woche im Magazin DER SPIEGEL (Nr.15; 12.4.10): "Viele Kinder erleben die Schule in dieser Zeit als Anstalt von spukhafter Unwirklichkeit. Sie verziehen sich (...) in die innere Emigration." Wie der kleine Oskar, sich einfach verkriechen, weglaufen, wegrennen. Eine fataler Rückzug.

 

Zeit für Kindheit bleibt kaum. Die wenigsten Erwachsenen (dazu gehören leider auch Lehrer) scheinen das Kind in sich bewahrt zu haben. Erich Kästner schreibt in seiner „Ansprache zum Schulbeginn“: „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.“

 

Viele hochtrabende, theoretische Texte werden gelesen, aber werden sie auch wirklich im Kern verstanden? In Diskussionen soll mit den Schülern versucht werden, die Gruppendynamik (wie es so schön heißt) zu steigern und zu harmonisieren. Viele Fremdwörter kommen da zum Einsatz und einige Schüler werden dann sogar zu Mediatoren, zu Streitschlichtern ausgebildet. Klingt nach einer fertigen Problembekämpfung auf Rezept: Prädikat pädagogisch besonders wertvoll; ist aber eben häufig nur Theorie. In der Praxis wird dann tüchtig weiter ausgegrenzt.

 

Die Schulwirklichkeit wird im späteren Leben meist als wirklich und eben wahr wahrgenommen, ist aber nur noch eine Fußnote in der Erinnerung. Später kann man sich immer alles schön reden und glorifizieren. Die Selbstbeweihräucherung und das krampfhaft postulierte Wir-Gefühl verhindert geradezu eine kritische Hinterfragung und Selbstreflexion, die einen Schritt nach vorn ermöglichen und einen neuen Weg nach vorn, raus aus dem Dilemma ebnen würde. Kein Wunder also, wenn vielleicht einige Zuschauer "Punk Rock" als übertrieben wahrnehmen.

 

Der Blick des anderen als intersubjektive Spiegelung.

 

Im Anderen kann man auch sich selbst erkennen. Davor haben viele Angst.

 

Der Außenseiter, der Buhmann der Familie wird gedemütigt, ausgegrenzt, gemobbt. Die Mutter sieht dies, ignoriert es aber, deckelt es zu, damit ja kein Fleck aufs weiße Unschuldshemd der Familie kommt. Zusammenhalten muss die Sippe, denn sonst bricht sie zusammen, verliert ihren Halt. Wenn nicht eingegriffen wir, kann es schnell zu einem Game-Over führen.

 

In Baden-Württemberg startet demnächst ein vom Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer konzipiertes Schulprojekt, das Lehrer für das Thema sensibilisieren soll. In der ZEIT Nr. 16 vom 15.4.10 meint Scheuthauer, dass ein schärferes Waffengesetz zwar sinvoll wäre, jedoch vor allem an einem anderen Punkt angesetzt werden müsste: "Wenn ein Schüler sich isoliert, dann sollte das ein Grund sein, nicht wegzugucken, sondern einzugreifen. Nicht, um einen potenziellen Amokläufer zu erkennen, sondern einen jungen Menschen, der im sozialen Umfeld Schule dringend Unterstützung braucht."

 

Hätte William in "Punk Rock" nicht auch derartige Unterstützung gebraucht? Ob dies seine Tat hätte verhindern können? Der Zuschauer bleibt mit einem leeren Gefühl und dieser offenen Frage zurück. Doch das ist das Leben. Und das Leben stellt viele Fragen. Antworten muss jeder für sich selbst finden. // © JuSt!

 

 

       Baal an Mutter, bitte kommen!                                                                                                                                                                                    

 

     - Ein assoziativer Kommentar von Julian Struck -

 

22.03.2010, Malersaal, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

 

Hallo Mama,

 

ich hab Mist gebaut. Ja, ich war unartig. Das hätte alles nicht passieren dürfen. Die Party gestern im Malersaal war noch sehr lang. Teil III nach der Party hätte sich mein Analytiker Weiss in seiner ansonsten gelungenen Inszenierung vielleicht sparen können. Da war Katerstimmung. Wobei daran war auch die Polizei schuld. Aber dazu später mehr. Manchmal sollte man vielleicht doch auf die Polizei hören und aufhören, wenn es am schönsten ist.

Hab wieder ziemlich viel gesoffen. Nein, gekokst diesmal nicht. Natürlich wurden Körperflüssigkeiten ausgetauscht, Mädels warn ja auch da. Na, da bleibt das halt nicht aus. Ich mein, also, nicht was du jetzt denkst. Es ist nicht das, wonach es aussieht. Nein, ich hab ihr nicht wehgetan. Ich hab niemand und niemandem niemals wehgetan. Jedenfalls nicht bewusst. Das war ein Unfall. Hab mich doch nur nach einem fremden Busen gesehnt. Hab mich dann auch wieder reingewaschen, damit ich auch ja schön sauber bin.

Ob ich schizophren bin? Das musst du meinen Psychoanalytiker fragen. Kennst du diesen Film von Hitchcock, den mit Ingrid Bergmann, wo der Psychiater selbst nicht mehr weiß, wer er ist? Das frage ich mich auch manchmal. Who the fuck is Baal? If you don't know me by now.

Baal, wer bist du? Fragt mich der Analytiker. Ich lege mich in die Badewanne und antworte nicht. Ich träume.

Bin ich so schillernd wie diese glitzernden Anzüge, die sie alle tragen oder habe ich eine Identität, eine personal identity? Die Rasterfahnder, die hinter mir her sind mögen sie kennen, sofern ich nicht durchs Raster falle. Weil ein Mörder bin ich nicht, oder? Sie sind hinter mir her. Doch die Lämmer schweigen. Ich lege mich ins feuchte Laub. Nackt. Im Wald. Allein. Ich habe den Glauben verloren, aber Antichrist bin ich nicht.

Ein Antiheld. Verloren habe ich mich. Mein ICH habe ich verloren. Ich bins doch nur, der kleine Baal. Ich wache auf und bestell mir noch ne Flasche von diesem billigen Fusel. Wir singen, ich singe mir die Depression und den ganzen andern shit vom Leib, von der Seele. Meine Kehle ist trocken. Ich schmecke. Nichts. Das war es, mein Zeitraffer, mein Midsommernachtstraum. Die Grillen zirpen und die Sirene, sie heult.

Dann ging alles ganz schnell. Die Polizei versteht aber auch keinen Spaß. Die Party wurde vorzeitig beendet. Schade, war doch so schon schön da im Foyer mit den anderen Zuschauern. Ich war nicht allein. Ich entschuldige mich für die Ruhestörung. Das Funkgerät knistert. Ich höre. Nichts. ICH hat den Anschluss verloren. Funkstörung. Kein Anschluss unter dieser Suchanfrage. Nur ein Surren. Mama, wo bist du? Bitte komm! Ich kann nicht mehr kommen. Sie suchen mich noch immer. Ich bin schuld. Tschuldigung.

 

BAAL  (NICHT nach Brecht) //  © Just!
 
 
 

Ein Traum in schwarz/weiß

 

Das Käthchen von Heilbronn, Regie: Roger Vontobel, 

Deutsches Schauspielhaus Hamburg

 
Was passiert, wenn man viel Nebel, viel athmosphärische Musik, viel Gespür für ein geniales Bühnenbild, etwas Video, einen Chor, viel Emotion und viel Kleist miteinander verbindet? Nicht unbedingt viel, es sei denn der Regisseur heißt Roger Vontobel, die Bühnenbildnerin Claudia Rohmer, Annette ter Meulen entwirft ein stimmungsvolles Lichtkonzept und für Musik und Video zeichnet Immanuel Heidrich verantwortlich. Wenn dannn noch ein Chor voller Schauspielnachwuchs unter der Leitung von Marc Aisenbrey wunderschön sakral singt und mit verbalen Attacken aus dem Zuschauerraum interveniert; wenn dann auch noch die weibliche Spitze des Schauspielhaus-Ensembles, Jana Schulz und Julia Nachtmann, mitspielen und -singen, Michael Prelle als Käthchens Vater uns vor der Haustür abholt und sein Innerstes überzeugend nach außen kehrt, dann ist die Mischung nahezu perfekt. Obwohl; "nobody is perfect".
Hier und da ein paar Kürzungen und der Verzicht auf eine Pause hätten diesem "Kätchen von Heilbronn" sicher nicht geschadet und die ohnehin schon konzentrierte Inszenierung noch mehr verdichtet und auf den Punkt gebracht. Ansonsten gab es viel Außergewöhnliches, bzw. der Zuschauer bekam es förmlich zu spüren: Das Kartenhaus, der Traumpalast stürzt ein und wir werden von einer heftigen Windböe erfasst. Kurz darauf hebt sich das soeben gefallene Dach in eine atemberaubend steile Schräge, die Fallhöhe wird nach oben geschraubt. Dieses reduzierte, multifunktionale Bühnenbild beschränkt sich farblich größtenteils auf Weiß und Schwarz. Die Inszenierung betreibt hingegen alles andere als Schwarzweißmalerei. Das gesamte Ensemble weiß bedingungslos zu überzeugen, zu berühren. Laute Techno-Musik folgt ernüchternder Stille. In der wohl leisesten Szene ist die Rede von einem Jungen, der weinend aufwacht. Jedoch nicht weil er schlecht geträumt hat, sondern weil sein Traum so schön war und niemals wahr werden wird.
Dieser Theatertraum war auch zum Weinen schön.
Zum Schluss dann: Black. Und das Publikum ist noch so somnambul paralysiert, so eingenommen, dass keiner zu klatschen wagt. Bloß nicht aus diesem Traum aufwachen. Doch dann schwillt der Applaus an und man möchte einfach nur sagen: Danke!
Julian Struck